Guten Morgen,

ich sag’s euch, wie es ist: Wer einmal in Shenzhen an einer Straßenecke stand, sieht die Welt danach anders. Während wir in Deutschland in der dritten Abstimmungsrunde über die KI-Governance-Richtlinie sitzen, haben die dort in derselben Zeit drei neue KI-gestützte Fabriken hochgezogen. Shenzhen ist ein Ort von brutalem Tempo und absoluter Umsetzung.

Heute im Newsletter:

  1. Tempo & Scale in Shenzhen, China (Achtung: Könnte wehtun)

  2. Daten-Realität: Warum KI ohne Futter nur eine leere Hülle ist

  3. Der KI-Fail der Woche: Das „Nicken-und-Vergessen“-Phänomen

Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Tempo & Scale Shenzhen, China: Was mich wirklich geschockt hat

Philipp war in der vergangenen Woche auf Erkundungstour in Hongkong und Shenzhen. Seine Beobachtungen teilt er in den nächsten Newsletter-Ausgaben.

Heute: Teil 1 meiner Beobachtungen zu Hongkong und Shenzhen – Fokus: Speed, Scale und System. 

Nächste Woche kommt Teil 2: Qualität, Copy & Better, Mindset – und die Schattenseite (Überwachung/Zensur).

Beobachtung #1: Speed – Tempo ist Standard, nicht Ausnahme

Ich hatte das Gefühl, hier wird nicht über Umsetzung gesprochen. Hier wird umgesetzt – und zwar von allen, sodass es normal wirkt.

Meine These: Tempo ist kein Glücksfall. Tempo ist ein Designprinzip: kurze Wege, klare Owner, weniger Abstimmungsrituale, mehr Machen.
Takeaway: Wer Tempo will, muss Tempo führen - nicht diskutieren.

Beobachtung #2: Scale - Skalierung ist kein Projekt. Es ist ein Feature.

Shenzhen ist nicht einfach „groß“. Shenzhen ist so gebaut, dass Dinge schnell groß werden können: Produkte, Produktion, Prozesse, Infrastruktur.
Meine These: Die denken nicht in „Pilot“. Die denken in Rollout.
Takeaway: Europa hat kein Ideenproblem. Europa hat ein Skalierungsproblem.

Beobachtung #3: Stadtplanung Shenzhen – Infrastruktur als Beschleuniger

Shenzhen wirkt geplant wie eine Maschine: Mobilität, Dichte, neue Viertel, neue Flächen – alles darauf ausgelegt, dass Menschen und Arbeit fließen.

Und was ich daran am spannendsten finde: Die bauen das nicht „aus dem Bauch“ oder aus Eitelkeit „from scratch“. Die schauen sich knallhart an, was weltweit funktioniert – und auch, was nicht funktioniert. Sie reisen in Städte, die gut laufen, und in Städte, die sich selbst blockieren. Sie kopieren nicht blind – sie kuratieren.

Meine These: Das ist „Copy & best-of“ auf Stadtebene: Sie vermeiden die Fehler anderer und setzen das Beste der Welt zu einem System zusammen. Infrastruktur ist dort nicht Verwalten des Status Quo. Infrastruktur ist Wachstumsstrategie.

Takeaway: Ohne Infrastruktur keine Skalierung. Ohne Skalierung keine Wettbewerbsfähigkeit.

Beobachtung #4: Export-DNA – der Blick geht aggressiv nach draußen

In Gesprächen mit Firmen war das Muster klar: Viele denken international zuerst. Auslandsmärkte sind nicht „irgendwann“. Auslandsmärkte sind Plan A.
Meine These: Wer Skalierung ernst meint, muss früh global denken - sonst wird man global überrollt.
Takeaway: Export ist dort nicht „Abteilung“. Export ist in China Mindset.

Beobachtung #5: Digitaler Staat – Effizienz als Normalität

Bei der Einreise nach Mainland China habe ich meinen Pass auf den Leser gelegt – und wurde vom System auf Deutsch begrüßt, inklusive deutscher Anweisungen.
Das war beeindruckend. Und gleichzeitig ein Reminder: Digitalisierung ist dort kein Projekt, sondern ein Betriebsmodus.
Takeaway: Der Staat kann Bremse sein. Oder Plattform. Dort ist er oft Plattform.

Beobachtung #6: Super-App-Alltag - Messaging, Payment, Social, alles in einem

Ich habe erlebt, wie absurd reibungslos der Alltag wird, wenn Kommunikation, Bezahlen, Networking und Services in der Plattform “wechat” zusammenlaufen.
Visitenkarte, Chat, Payment – zack.
Takeaway: Wir diskutieren in Europa seit Jahren über „digitale Identität“. Dort wird es einfach gemacht.

Mein Zwischenfazit (Teil 1)

Ich muss China nicht feiern, um eines zu kapieren: Tempo + Skalierung schlagen die Debattenkultur.
Und genau diese Kombination fehlt uns in Europa viel zu oft.

Ich habe in Hongkong und Shenzhen mit Unternehmern gesprochen, Fabriken besucht und mich in das Getümmel der Metropolen geschmissen. Um auf den Titel dieses Newsletters zurückzukommen: KI-mäßig hat mich China bei dem Besuch nicht wirklich vom Hocker gerissen. Ich komme mit dem Gefühl zurück, dass wir als Europäer hier mit China noch gleichauf stehen, was die Verwendung von KI im Alltag angeht. Was hinter den Kulissen abgeht beim Einsatz von KI durch staatliche Institutionen - darüber schreibe ich im nächsten Newsletter.

Nächste Woche (Teil 2):
Ich schreibe über das, was mich am meisten überrascht hat: Echte Top-Qualität, der offene Umgang mit Veränderung – und die dunkle Seite: Überwachung, geblockte Plattformen, eingeschränkte Meinungsfreiheit.
Im März geht’s weiter nach Shanghai – ich bin gespannt, ob das nochmal eine neue Kategorie ist.

Aus unserem Buch „Mut zur KI“: 3 Gedanken, die dir heute helfen

„Mut zur KI“ erscheint im März 2026.
Du kannst es jetzt auf Amazon oder beim Buchhändler eures Vertrauens vorbestellen: https://bit.ly/mutzurkiNL

1) Ohne Daten ist KI blind. Punkt.

KI ist keine Magie. KI ist Mustererkennung. Und Muster brauchen Futter.

2) Daten sind der Rohstoff – KI ist die Werkstatt.

Daten allein bringen nichts. KI allein bringt nichts.
Erst zusammen wird’s ein Hebel: Daten sind der Rohstoff – KI ist die Werkstatt, in der daraus Werkzeuge entstehen.

3) Dein Ergebnis hängt nicht vom Modell ab – sondern von deiner Datenrealität.

Wenn Daten unsauber, unstrukturiert oder zersplittert sind, liefert KI bestenfalls nette Texte – aber keine verlässlichen Ergebnisse.
Wenn Daten sauber, zugänglich und verantwortet sind, wird KI plötzlich ein echter Produktivitäts- und Entscheidungshebel.

3 Mini-Schritte (diese Woche machbar):

  1. Inventur: Liste eure Top-10-Datenquellen (CRM, ERP, Tickets, Mails, PDFs …) auf.

  2. Klarheit: Markiere pro Quelle: brauchbar / Müll / sensibel.

  3. Hebel: Wähle eine Quelle aus und stoße das Projekt an, um sie KI-ready zu machen: Struktur + Zugriff + Regeln.

Der KI-Fail der Woche: Das „Nicken-und-Vergessen“

Der Klassiker: Das Management beschließt „Wir machen jetzt KI“. Alle nicken im Meeting. Drei Monate später nutzen es genau 0 Mitarbeiter. 

Warum das passiert:

  • Kein klarer Use Case („Nutzt KI halt mal“)

  • Keine Routine (kein Moment, wo KI automatisch eingesetzt wird)

  • Keine Führung (keiner macht’s vor, keiner misst Nutzen)

So fixt du das in 7 Tagen:

  1. Wähle einen Use Case mit sofortigem Nutzen (z.B. Meeting→Entscheidungslog).

  2. Baue eine Pflicht-Routine ein: Jedes Leadership-Meeting endet mit 10 Minuten KI-Auswertung.

  3. Definiere Output: Entscheidungen / Owner / Deadlines / Risiken als 1-Pager.

  4. Miss 2 Kennzahlen: Zeit gespart + Entscheidungen pro Woche.

Merksatz: KI scheitert selten an Tools. Sie scheitert oft daran, dass niemand sie benutzt.

Montag ist Mut-Tag.

Nicht, weil Mut leicht ist. Sondern weil er gebraucht wird, bevor Entscheidungen getroffen werden.

Deine Mut-Challenge der Woche

In Shenzhen wartet keiner auf die Erlaubnis, innovativ zu sein. Warum tust du es?

Welche Entscheidung triffst du heute, damit eure Daten kein Chaos mehr sind? Benenne einen Owner. Setz eine Regel. Konsolidiere eine Quelle. Fang einfach an!

Geh mutig in diese Woche.

Philipp & Friedrich

Ausblick auf nächste Woche

Teil 2 von Philipps Reisebericht aus dem Robotics und KI-Epizentrum Hongkong & Shenzhen.

Fandest du die Informationen hilfreich?

Login or Subscribe to participate

Wenn du eine Führungskraft kennst, die gerade an Entscheidungen festhängt, hilft ihr eventuell dieser KI-Steckbrief. Leite den Newsletter gern weiter.

Je mehr wir sind, desto mehr lernen wir voneinander – und desto leichter wird es, mutig zu sein.

Keep Reading